Donnerstag, 22. Januar 2026

Ein Konvolut an Vorsätzen


Mit den Menschen ins Gespräch kommen – auf der Brücke. Nicht auf der Kennedy-Brücke, die ja gerade selbst so was von im Gespräch ist. Letztens ertappte ich mich doch tatsächlich dabei, dass ich den Artikel in meinem SCHAUFENSTER über die Zukunft, sprich das Chaos, das mit der Erneuerung der Brücke einhergehen wird, nicht gelesen habe. Schon seit Jahren höre ich ja von vielen lieben Mitmenschen, dass sie gar keine Nachrichten mehr hören. Da sagt ja aber die mündige Bürgerin, hallo, so geht das nicht, du musst dich informieren, du musst dich gerade den negativen Nachrichten, der aktuellen Weltpolitik stellen. Und, ja, jetzt kriegen sie mich mit den ständigen Nachrichten zum Thema Nordbrücke.

Was ich aber eigentlich sagen will, ich will natürlich mit den Menschen auf der Brücke vom Auerberg nach Tannenbusch ins Gespräch kommen. Mit den Menschen, die neulich wieder für folgenden Anblick verantwortlich waren: Du siehst neue, moderne Altpapier-Container und daneben und davor Lacke und Ölfarben in Dosen, Styropor, einen Stuhl und einen Fernseher. Kurz der Gedanke, es handelt sich um eine Kunstinstallation. Du weißt schon, Kunst als Gesellschaftskritik. War es natürlich nicht. Und da jetzt mein Vorsatz, mir die Zeit zu nehmen und auf der Brücke zu campieren. Ich vermute natürlich, dass die lieben Mitmenschen das mitten in der Nacht dort abstellen. Sodass ich mir da ernsthaft Gedanken werde machen müssen von wegen Zelt und so.

Natürlich, du kennst mich ja, werde ich die Wartezeit bzw. die Zeit zwischen zwei Aufklärungsgesprächen so sinnvoll wie möglich zu nutzen versuchen. Zunächst einmal werde ich mir einige Folgen von „Bares für Rares“ zu Gemüte führen. Was ich da den Experten an den Lippen hänge! Ich sauge förmlich jedes ihrer Worte auf. Abgesehen von den Fachbegriffen wie Voluten, Plinten oder Punzen. Nein, diese Vielzahl von für mich neuen Wörtern, die sie zur Beschreibung eines Gegenstandes verwenden – ein Genuss! Wie oft ist es mir schon passiert, dass ich ein potthässliches Stück am Ende der Expertise von Colmar Schulte-Goltz oder Wendela Horz nur wegen ihrer blumigen Worte so was von zauberhaft fand!

Und so komme ich zu einem weiteren Vorsatz. Mit meinem nun vergrößerten und vor allem feineren  Wortschatz werde ich dann nachts in meinem Zelt anfangen, wieder Briefe zu schreiben. Ja, du liest richtig. Briefe schreiben so wie früher. Und zwar nicht nur an Familie und Freunde. Nein, ich werde an beliebige Adressaten schreiben. Vor allem aber auch an Lieblingsfeinde. Weil, soll mir nachher keiner sagen: hätte, hätte Fahrradklingel. Das ist ja auch selbiger Grund, warum ich die Menschkasse meiner Lieblingsdiscounter immer wieder ansteuere. Damit die da oben, also die Entscheidungsträger, mitbekommen, dass es ohne die Kasse, an der ein Mensch steht bzw. sitzt, nicht geht.

Wo war ich? Ach ja, auf der Brücke, im Zelt, im Dunkeln, hoffentlich warm genug eingepuckelt. Das muss ich total generalstabsmäßig aufziehen. Dass ich, wenn ich jemanden höre, sofort aus dem Zelt rausspringen kann und auch für ein längeres Gespräch warm genug angezogen bin. Wobei, das habe ich heute noch gesehen, falls ich zu wenig zum Anziehen dabei habe, kein Problem. Auf der Brücke gibt es ja auch einen Container für Altkleider. Was da heute wieder für Kleiderhaufen daneben lagen. Da wird sich notfalls bestimmt für mich etwas finden. Viel wichtiger, dass ich beim Briefeschreiben immer mindestens ein Ohr nach draußen gerichtet habe. Um genügend Adressaten für meine Briefe zu haben, weil es geht ja auch schon um eine gewisse Menge an Briefen, werde ich die Menschen, denen ich nachts beim Entsorgen ihres Mülls begegne, nach ihrer Adresse fragen. Dann schlage ich gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Erstens wieder ein Brief mehr und zweitens, vielleicht prägt sich ja meine Moralpredigt besser ein, wenn mein Gegenüber sie einmal hört und einmal liest. Ach, was sag ich, ich schreibe auch den Menschen einen Dankesbrief, die ihren Müll akkurat entsorgen.

Ja, und drittens, darum geht es ja bei dieser ganzen Aktion. Ich bin dann raus. Mich trifft keine Schuld. Auch ihr hättet es kommen sehen können. Ihr wart vorgewarnt. Zumindest du, der sich noch für Nachrichten interessiert. Genau, in Dänemark gibt es seit dem neuen Jahr keine öffentlichen Briefkästen mehr. Dänemark ist so was von digitalisiert, keiner hat dort mehr Briefe geschrieben. Also sag später nicht, du hättest es nicht gewusst. Jetzt weißt du es!

Und wenn ich vom Schreiben Lähmungserscheinungen in der Hand habe, noch ein Vorsatz. Licht brauche ich ja eh zum Schreiben. Ich mein, wenn solch ein Turm sich im Rahmen hält, mag es ja noch ganz intellektuell wirken. Und, klar, bedeutet er auch ein stückweit Vorfreude auf viele spannende, bereichernde Stunden. Aber wann und wie schnell kann die Vorfreude in Vorwurf umschlagen. Wichtig auf jeden Fall, dass sich das Leid nicht neben deinem Bett abspielt. Weil, du bist auch nicht mehr die Jüngste und irgendwann zerrst du dir noch was, wenn du versuchst, drüber zu klettern. Was wiederum den Vorteil hätte, dass du, monatelang ans Bett gefesselt, jetzt alle Zeit der Welt hättest. Hatte ich überhaupt schon erwähnt, wozu? Ich sag nur „SuB“ oder meinetwegen auch „Tsundoku“. Wer hätte das gedacht, dass wir Alten mal so was von froh sein müssen, dass es TikTok gibt! Ich mach dir mal Internet: 70,8 Millionen Einträge hat der Hashtag #BookTok auf der Plattform TikTok. 2024 sind laut Branchenverband etwa 25 Millionen Bücher aufgrund von BookTok-Empfehlungen gekauft worden. Weil sogenannte BookTokerinnen anders auf Bücher blicken als das Feuilleton, machen sie sie vor allem bei jungen Leserinnen populär. Ach ja, ich vergaß, „SuB“ steht für „Stapel ungelesener Bücher“. Im Japanischen gibt es für dieses Phänomen sogar ein eigenes Wort. Ich mach dir noch mal Internet: „Tsundoku“ bezeichnet die Situation, dass man Bücher kauft, die man lesen möchte, und sie auf einen Stapel legt. Irgendwie hat man dann aber doch keine Lust oder keine Zeit, die Bücher zu lesen.

Hier der Link zu dem Artikel. Lies ihn dir doch einfach durch – so was von witzig. Da erfährst du auch, was "Shelfies" sind, und was die Christine Westermann mit den Büchern macht, die ihr nicht nur stapelweise, sondern bergeweise zugeschickt werden.