Donnerstag, 30. Juli 2026

Darf sie das?

 


Damit ich es nicht vergesse, vorab einmal zwei Serien-Tipps von mir für dich. Einmal ist es die vierteilige Miniserie „Unschuldig – Mr. Bates gegen die Post“. Ich mach dir mal Zusammenfassung: Nach der Einführung eines neuen Computersystems klaffen in den Kassen kleiner Postämter plötzlich finanzielle Löcher. Die Post behaupt
et, alles Einzelfälle. Doch Alan Bates glaubt seinem Arbeitgeber nicht. Toby Jones spielt die Hauptrolle in dieser schockierenden und WAHREN David-gegen-Goliath-Miniserie, die über eins der größten Justizirrtümer in der britischen Rechtsgeschichte erzählt. Ich sag dir, der Hammer in Dosen!! Beeil dich, ich weiß nicht, wie lange das noch in der ARTE-Mediathek ist. Zweiter Tipp für dich bei Netflix „Anne with an E“. Da brauchst du allerdings einen etwas längeren Atem. Worüber du dich freuen wirst. Alleine schon das Intro!

So, was steht an? Genau, noch eine Begebenheit auf einer unserer mehrtägigen Radtouren. Ich plötzlich ein Pfffffft – also nicht ich, sondern ein Reifen. Mittags, heiß wie Sau. Es kam alles zusammen: Anderes Rädchen, deshalb keine Luftpumpe dabei. Wir erst einmal bis zu einem Campingplatz am See geschoben. Viele Menschen, viele Helfer. Ein Loch im Schlauch, der Mantel lässt sich nicht abziehen, zig Mantelheber zerbersten, mein Schatz so was von durch. Und dann noch jemand, der seine Hilfe anbietet: Ein Radfahrerpaar kommt neben uns zu stehen und er fragt, ob er helfen könne. Und weil schon so viel vergeblich geholfen wurde, winkt mein Traummann mit „Nein, danke“ ab. „Kein Problem, wir wollen sowieso hier am See Rast machen. Wenn es doch etwas zu helfen gibt, wir sitzen da vorne“ die Antwort. Und, es war mit Ansage, schon nach ein paar Minuten mein Mann „Ich glaube, ich benötige doch Ihre Hilfe“. Und ab dann ging es nur noch bergauf: helfend, unterstützend, ohne dir das Gefühl zu geben, dass du nichts weißt und er alles. Er habe als Rennradfahrer schon viele Male vor dieser Aufgabe gestanden, er freue sich, helfen zu können.

Was für ein Glück, was für eine Hilfe. Danach hatten wir noch das große Glück, uns mit einem Kaltgetränk im Restaurant des Campingplatzes bedanken zu dürfen. So ein netter alter, weißer Mann – wie mein Schatz ja übrigens auch! Es wurde über die letzten Fahrradurlaube geplaudert, über Pannen und interessante Erlebnisse. Und da sagt jetzt mein Göttergatte, das Folgende dürfe ich so nicht schreiben. Was ich nicht verstehe und es deshalb tue.

Unsere Hilfsbekanntschaft erzählte von dem Ort Zell am See und einem höherpreisigen Hotel, in dem offensichtlich viele arabische Gäste absteigen. Dort habe man, also die arabischen Touristen, auf den Hotelgängen gegrillt, so dass mehrere Male die Feuerwehr anrücken musste. Und die arabischen Männer hätten, auf dem Boden sitzend, den vorbeigehenden europäischen Frauen ostentativ unter den Rock geguckt. Und nebenbei, neulich erzählte mir die Mutter einer Tochter, die in Zell am See wohnt, dass dort auf einem öffentlichen Parkplatz arabische Touristen in einer Parklücke ein Tier geschächtet hätten. Was ich mich da jetzt frage: Wissen die nicht, dass so etwas hier verboten ist oder interessiert die das nicht? Mein Göttergatte sagt auch hier, das könne und dürfe ich so nicht schreiben, weil ich das ja nicht selbst erlebt hätte. Kann und darf man drüber streiten. Weil, wenn jeder nur darüber schreiben dürfte, was er selbst mit eigenen Augen gesehen hat, gäbe es nicht sehr viel zu berichten. Ich habe mir das aber zu Herzen genommen, und deshalb jetzt eine Begebenheit, die ich erlebt habe. Wo mein Mann jetzt aber auch wieder sagt, dass dürfe ich so auch nicht schreiben. Aber aus einem anderen Grund.    

Neulich, ein Sonntag gegen Mittag, ich radele auf der Adenauerallee von der Bundeskunsthalle kommend Richtung Zentrum. Es ist heiß, kaum, eigentlich kein Verkehr, grüne Welle. Aber irgendwann wird vor mir eine Ampel dann doch rot und ich halte – widerwillig, weil so was von heiß. Aber ich halte! Von rechts aus einer Sackgasse kommend will ein PKW links auf die Adenauerallee abbiegen. Der PKW, offenes Verdeck, am Steuer ein alter, weißer Mann, neben ihm eine Frau, wartet auf Grün, um nach links abzubiegen. Es ist heiß, ich schwitze und warte. Hatte ich erwähnt, dass ich warte? Der Fahrer bekommt grün, fährt an, fährt die Kurve aber nicht im rechten Winkel aus, sondern in einem  extrem spitzen Winkel. Sodass ich quasi ihm hätte ausweichen müssen, hätte ich ohne Rücksicht auf meine immer noch rote Ampel sofort losfahren wollen. Hast du das verstanden, oder mach ich dir Zeichnung? Ich vergaß, dir zu sagen, dass ich immer noch an meiner roten Ampel stehe. Während ich also immer noch an der Ampel warte, brüllt der alte, weiße Mann: “Es ist rot, auch für dich, du Fotze!“ Hatte ich erwähnt, dass ich wartete und neben dem Mann eine Frau saß? Was selbstredend nicht heißen soll, dass der alte, weiße Mann mich hätte Fotze nennen dürfen, wenn ich bei Rot über die Ampel gefahren wäre. Gibt es ein schlimmeres beleidigendes Wort für eine Frau als Fotze, habe ich die KI gefragt. Hier ihre Antwort: Das Wort „Fotze“ gilt im deutschen Sprachgebrauch als eine der extremsten und verletzendsten Beleidigungen für eine Frau. Es ist eine starke sexualisierte Abwertung, die eine Frau auf ihr Geschlecht reduziert. Ob ein Wort als „schlimmer“ empfunden wird, ist subjektiv und hängt vom Kontext ab. Auf einer ähnlich drastischen Stufe der Herabwürdigung stehen in der Regel Kombinationen und Steigerungen wie zum Beispiel „Drecksfotze“.

Ja, genau dieses Wort ist es, das der alte, weiße Mann gewählt hat. Und das mit einer großen Selbstverständlichkeit. Meine Gedanken dazu: Was für eine Frau saß da neben ihm? Soll ich sie bemitleiden, dass sie ihm ausgeliefert ist? Oder ist das für sie in Ordnung, ganz normaler Alltag? Was meinen Traummann angeht, er war nach der Lektüre dieses Beitrags über Araber in Zell am See und einem alten, weißen Mann, der seine Frau Fotze nennt, vollkommen derangiert. Nebenbei, nach diesem Ereignis bin ich über sämtliche rote Ampeln nach Hause gefahren. Und es gab derer viele! Worüber ich mich am meisten ärgere? Über mich!! Hat es doch die Drecksau geschafft, wie von ihm wissend beabsichtigt, mich genau mit diesem Wort zu verletzen.

Donnerstag, 2. Juli 2026

Nett hier, aber nicht im Mehrzweckabteil

 

Ich weiß, ich mach mir jetzt so was von viele Feinde. Muss ich halt durch. Aber in Zeiten, wo jedes Individuum, jeder Tuppes sich äußert, in übelster Weise äußert und äußern darf, trau ich mich jetzt auch mal. Ich war ja neulich beim Thema Deutsche Bahn und da musst du jetzt mal durch. Also hier: Ein gelöstes Fahrradticket garantiert Ihnen leider keine Beförderung, sondern erlaubt lediglich die Mitnahme, sofern es die Kapazitäten erlauben. Die Beförderungsbedingungen der Deutschen Bahn und der Verkehrsverbünde regeln die Prioritäten im sogenannten Mehrzweckabteil sehr eindeutig. Die klare Rangordnung im Zug: Wenn der Platz im Wagen eng wird, gilt immer folgende feste Reihenfolge: Rollstuhlfahrer und Menschen mit Mobilitätshilfen (Rollatoren) haben oberste Priorität. Dann kommen Reisende mit Kinderwagen oder schweren Lasten. Fahrradfahrende stehen am Ende dieser Kette. Konkret bedeutet das für Sie: Keine Mitnahmegarantie. Selbst wenn Sie also ein gültiges Fahrradticket besitzen, begründet dies laut der Beförderungsbedingungen der DB keinen Rechtsanspruch auf die Beförderung des Rads. Aufforderung zum Aussteigen: Kommt ein Rollstuhl oder ein Kinderwagen in den Zug und es ist kein Platz mehr frei, müssen Sie den Stellplatz räumen. Ist der Zug so voll, dass das Fahrrad nirgendwo anders sicher stehen kann, müssen Sie den Zug an der nächsten Station mit Ihrem Fahrrad verlassen und auf den nächsten Zug warten. Das Zugpersonal hat das letzte Wort: Die Zugbegleiter beziehungsweise das Betriebspersonal besitzen das Hausrecht und entscheiden im Einzelfall vor Ort über die Mitnahme. Deren Anweisungen müssen Sie Folge leisten.

Ja, ich mach mich jetzt mal ganz unbeliebt! Und ja, ich mach jetzt mal eine eigene Befindlichkeitsgruppe auf: die der alten, weißen Frauen. Die Gruppe derer, die in unserer Gesellschaft so was von überflüssig sind, es sei denn, sie hüten Enkelkinder. Was erwartet man von mir als alter Frau, wenn ich schon nicht bereit bin, frühzeitig abzutreten? Ich soll mich mit öffentlichen Verkehrsmitteln bewegen, ich soll mich sowieso bewegen, damit ich meiner Krankenkasse nicht zur Last falle. Das Ticket kostet 6,30 Euro pro Fahrrad, das ich in meinem Alter auf den Bahnsteig wuchten muss – oftmals ohne Schieberinne! Nebenbei – mein Traummann hat zwar gesagt, ich soll es jetzt mal gut sein lassen –, du erinnerst dich? Alle Toilettentüren im Zug waren verschlossen? Was machst du denn jetzt bitte, wenn du deine Periode hast? Einen einzigen Vorteil hat es, wenn du eine alte Frau bist! So, ich habe jetzt einfach mal meine Befindlichkeit in die Tasten geklöppelt. Das muss ich ja auch erst einmal lernen, dass ich meine Befindlichkeit in die Tasten dübele, und viele mir unbekannte Menschen meine Befindlichkeit (zum dritten Mal) mitbekommen. Und dass die mir dann sagen, wie scheiße ich drauf bin. Und ob ich sie noch alle habe.

Wo ich aber gerade unter anderem beim Thema Geld war. Du weißt, eins meiner Lieblingsthemen! Weil, neulich sind wir am Rhein entlang gefahren mit unseren Rädchen, halten beim Rheinpavillon an und ich zu meinem Göttergatten: „Schau doch mal, was der Aperol-Spritz kostet.“ Ja, ich weiß, du kennst das auch. Frage: Kann er nicht mehr richtig gucken. Ist ein Augenarzttermin für den Geliebten dringend notwendig? Haben die sich eventuell verschrieben, weil sie ein Tütchen zu viel genossen haben? Oder aber, hat es mit meinem Hörvermögen zu tun. Ich mein, das gehört ja auch zum Altwerden dazu, zu akzeptieren, dass es an mir liegt. Nebenbei, es gibt aber auch jüngere Menschen, die sich fragen sollten, ob es an ihnen liegt. Stichwort Befindlichkeit (und zum vierten Mal!). Ich war aber ja bei meinem Hörvermögen. Und da zitiere ich jetzt einfach mal meine Schüler. Die sitzen in der hintersten Reihe und flüstern und trotzdem höre ich jedes Wort: „Ihr müsst flüstern, weil ich hier vorne jedes Wort verstehe.“ „Frau Bennemann, das ist aber auch eine echte Herausforderung, dass Sie so ein gutes Gehör haben“.  

Was ich dir damit sagen will, nein, an meinem Hörvermögen hat es nicht gelegen. Ich denk jetzt kurz an dich, liebes Lesendes, wir stehen immer noch vor dem Rheinpavillon und mein Göttergatte recherchiert, was der Aperol kostet. Nachdem er mir nun den Preis gesagt hatte, ich jetzt überlegt, warum so teuer. Okay, ich hatte mir zwar vorgenommen, nichts, aber auch gar nichts über die Sperrung der Nordbrücke zu schreiben. Aber wegen des Preises ich jetzt kurz überlegt, ob es damit zu tun haben könnte, dass man vom Rheinpavillon aus die Nordbrücke sehen kann. Also tagsüber eine leere Autobahnbrücke. Kann man nicht! Ich komm deshalb drauf, Stichwort „Instagrammable places“ (ist das nicht ein tolles Wort?). Schon letztes Jahr fand ich den Aperol-Preis, wie soll ich sagen, sportiv. Aber, okay, Blick aufs Siebengebirge. Wobei ich mich jetzt schon gefragt habe, für welche Personengruppe dieser Blick instagrammable ist. Doch sicher nicht für den Inder, der sich auf dem Titlis rumtreibt. Oder den Araber, der das Städtchen Interlaken für sich entdeckt hat, von wegen Jungfrau und Co. Interessant wäre der Blick auf das Siebengebirge natürlich allemal für die Schweizer. Ja, weiß ich selber, dass die den ein oder anderen Berg haben, der ein klein wenig höher ist als das Siebengebirge. Aber wenn die in ihrem Land an irgendeinem Ort sitzen, ein Gläschen Aperol schlürfen und auf ihre Berge schauen. Da ist der Preis aber so was von teurer als beim Rheinpavillon in Bonn. Einen Tod muss der Schweizer halt sterben.

Apropos Tod oder zumindest Nahtod. Was ist mein Göttergatte so was von froh, dass mein Projekt „Besuch des Kölner Doms, ohne 12 Euro Eintritt zu zahlen“ beendet ist. Ich gebe zu, auch ich. Weil, jeden Tag knapp 60 Kilometer hin und zurück, da hast du bei Gegenwind schon das ein oder andere Mal den Gedanken: Tote fahren kein Fahrrad. Wobei man es ja nicht wirklich weiß.

Ich vergaß übrigens zu sagen, wie viel der Aperol im Rheinpavillon kostet, also vor zwei Wochen, vielleicht ist der jetzt schon wieder teurer: 9,80 Euro.