Donnerstag, 2. Juli 2026

Nett hier, aber nicht im Mehrzweckabteil

 

Ich weiß, ich mach mir jetzt so was von viele Feinde. Muss ich halt durch. Aber in Zeiten, wo jedes Individuum, jeder Tuppes sich äußert, in übelster Weise äußert und äußern darf, trau ich mich jetzt auch mal. Ich war ja neulich beim Thema Deutsche Bahn und da musst du jetzt mal durch. Also hier: Ein gelöstes Fahrradticket garantiert Ihnen leider keine Beförderung, sondern erlaubt lediglich die Mitnahme, sofern es die Kapazitäten erlauben. Die Beförderungsbedingungen der Deutschen Bahn und der Verkehrsverbünde regeln die Prioritäten im sogenannten Mehrzweckabteil sehr eindeutig. Die klare Rangordnung im Zug: Wenn der Platz im Wagen eng wird, gilt immer folgende feste Reihenfolge: Rollstuhlfahrer und Menschen mit Mobilitätshilfen (Rollatoren) haben oberste Priorität. Dann kommen Reisende mit Kinderwagen oder schweren Lasten. Fahrradfahrende stehen am Ende dieser Kette. Konkret bedeutet das für Sie: Keine Mitnahmegarantie. Selbst wenn Sie also ein gültiges Fahrradticket besitzen, begründet dies laut der Beförderungsbedingungen der DB keinen Rechtsanspruch auf die Beförderung des Rads. Aufforderung zum Aussteigen: Kommt ein Rollstuhl oder ein Kinderwagen in den Zug und es ist kein Platz mehr frei, müssen Sie den Stellplatz räumen. Ist der Zug so voll, dass das Fahrrad nirgendwo anders sicher stehen kann, müssen Sie den Zug an der nächsten Station mit Ihrem Fahrrad verlassen und auf den nächsten Zug warten. Das Zugpersonal hat das letzte Wort: Die Zugbegleiter beziehungsweise das Betriebspersonal besitzen das Hausrecht und entscheiden im Einzelfall vor Ort über die Mitnahme. Deren Anweisungen müssen Sie Folge leisten.

Ja, ich mach mich jetzt mal ganz unbeliebt! Und ja, ich mach jetzt mal eine eigene Befindlichkeitsgruppe auf: die der alten, weißen Frauen. Die Gruppe derer, die in unserer Gesellschaft so was von überflüssig sind, es sei denn, sie hüten Enkelkinder. Was erwartet man von mir als alter Frau, wenn ich schon nicht bereit bin, frühzeitig abzutreten? Ich soll mich mit öffentlichen Verkehrsmitteln bewegen, ich soll mich sowieso bewegen, damit ich meiner Krankenkasse nicht zur Last falle. Das Ticket kostet 6,30 Euro pro Fahrrad, das ich in meinem Alter auf den Bahnsteig wuchten muss – oftmals ohne Schieberinne! Nebenbei – mein Traummann hat zwar gesagt, ich soll es jetzt mal gut sein lassen –, du erinnerst dich? Alle Toilettentüren im Zug waren verschlossen? Was machst du denn jetzt bitte, wenn du deine Periode hast? Einen einzigen Vorteil hat es, wenn du eine alte Frau bist! So, ich habe jetzt einfach mal meine Befindlichkeit in die Tasten geklöppelt. Das muss ich ja auch erst einmal lernen, dass ich meine Befindlichkeit in die Tasten dübele, und viele mir unbekannte Menschen meine Befindlichkeit (zum dritten Mal) mitbekommen. Und dass die mir dann sagen, wie scheiße ich drauf bin. Und ob ich sie noch alle habe.

Wo ich aber gerade unter anderem beim Thema Geld war. Du weißt, eins meiner Lieblingsthemen! Weil, neulich sind wir am Rhein entlang gefahren mit unseren Rädchen, halten beim Rheinpavillon an und ich zu meinem Göttergatten: „Schau doch mal, was der Aperol-Spritz kostet.“ Ja, ich weiß, du kennst das auch. Frage: Kann er nicht mehr richtig gucken. Ist ein Augenarzttermin für den Geliebten dringend notwendig? Haben die sich eventuell verschrieben, weil sie ein Tütchen zu viel genossen haben? Oder aber, hat es mit meinem Hörvermögen zu tun. Ich mein, das gehört ja auch zum Altwerden dazu, zu akzeptieren, dass es an mir liegt. Nebenbei, es gibt aber auch jüngere Menschen, die sich fragen sollten, ob es an ihnen liegt. Stichwort Befindlichkeit (und zum vierten Mal!). Ich war aber ja bei meinem Hörvermögen. Und da zitiere ich jetzt einfach mal meine Schüler. Die sitzen in der hintersten Reihe und flüstern und trotzdem höre ich jedes Wort: „Ihr müsst flüstern, weil ich hier vorne jedes Wort verstehe.“ „Frau Bennemann, das ist aber auch eine echte Herausforderung, dass Sie so ein gutes Gehör haben“.  

Was ich dir damit sagen will, nein, an meinem Hörvermögen hat es nicht gelegen. Ich denk jetzt kurz an dich, liebes Lesendes, wir stehen immer noch vor dem Rheinpavillon und mein Göttergatte recherchiert, was der Aperol kostet. Nachdem er mir nun den Preis gesagt hatte, ich jetzt überlegt, warum so teuer. Okay, ich hatte mir zwar vorgenommen, nichts, aber auch gar nichts über die Sperrung der Nordbrücke zu schreiben. Aber wegen des Preises ich jetzt kurz überlegt, ob es damit zu tun haben könnte, dass man vom Rheinpavillon aus die Nordbrücke sehen kann. Also tagsüber eine leere Autobahnbrücke. Kann man nicht! Ich komm deshalb drauf, Stichwort „Instagrammable places“ (ist das nicht ein tolles Wort?). Schon letztes Jahr fand ich den Aperol-Preis, wie soll ich sagen, sportiv. Aber, okay, Blick aufs Siebengebirge. Wobei ich mich jetzt schon gefragt habe, für welche Personengruppe dieser Blick instagrammable ist. Doch sicher nicht für den Inder, der sich auf dem Titlis rumtreibt. Oder den Araber, der das Städtchen Interlaken für sich entdeckt hat, von wegen Jungfrau und Co. Interessant wäre der Blick auf das Siebengebirge natürlich allemal für die Schweizer. Ja, weiß ich selber, dass die den ein oder anderen Berg haben, der ein klein wenig höher ist als das Siebengebirge. Aber wenn die in ihrem Land an irgendeinem Ort sitzen, ein Gläschen Aperol schlürfen und auf ihre Berge schauen. Da ist der Preis aber so was von teurer als beim Rheinpavillon in Bonn. Einen Tod muss der Schweizer halt sterben.

Apropos Tod oder zumindest Nahtod. Was ist mein Göttergatte so was von froh, dass mein Projekt „Besuch des Kölner Doms, ohne 12 Euro Eintritt zu zahlen“ beendet ist. Ich gebe zu, auch ich. Weil, jeden Tag knapp 60 Kilometer hin und zurück, da hast du bei Gegenwind schon das ein oder andere Mal den Gedanken: Tote fahren kein Fahrrad. Wobei man es ja nicht wirklich weiß.

Ich vergaß übrigens zu sagen, wie viel der Aperol im Rheinpavillon kostet, also vor zwei Wochen, vielleicht ist der jetzt schon wieder teurer: 9,80 Euro.